Politische Früherziehung
Wie jeden Abend habe ich auch heute meinem Junior zum Einschlafen eine Geschichte vorgelesen… interessant wie früh manche Kinderbücher die Kleinen schon an politische Problemsituationen heranführt…
Aber lest selbst:
Hättest du das gewusst?
Abends beim Fernsehen bekam Vater Durst. Er wollte Wolfi schnell losschicken, ein paar Flaschen Bier zu holen. Jedoch die Mutter verbot es streng. ” Wolfgang, du bleibst hier!” sagte sie. “Vater kann Hagebuttentee trinken.” “Ein Bier kann mir nicht schaden”, wagte Vater einzuwerfen. Mutter ließ ihn nicht ausreden. “Wir müssen sparen: Auf dein Bier musst du ab heute verzichten!” Sie sprach wie ein Politiker. “Du weißt selber, dass dein Betrieb für diesen Monat wieder Kurzarbeit beim Arbeitsamt beantragt hat. Wir müssen mit dem geringen Verdienst auskommen, sonst gibt’s bald nur noch Nudeln bei uns.”
“Am Bier sparen ist das Verkehrteste, was man tun kann”, trumpfte Vater auf. “Wer kein Bier mehr trinkt, ist mitschuldig an der augenblicklichen Wirtschaftsflaute.” “Das verstehe ich nicht”, erwiderte die Mutter. “Das musst du mir erklären.”
“Also gut, hört zu”, sagte Vater. “Im Augenblick ist es in der Bauwirtschaft zu einem Stillstand gekommen. Es gibt fast keine Maurer mehr, die am Bau beschäftigt sind. Da weniger auf dem Bau arbeiten, trinken auch die Maurer weniger Bier als früher. Die Folge davon its, dass ide Bierbrauer in eine Krise geraten sind. Sie können ihr Bier nicht mehr absetzen. Also brauen sie kein neues Bier, weil sie genug auf Lager haben. Aber sie kaufen auch den Bauern auf dem Dorf keine Braugerste und keinen Hopfen mehr ab. Nun geraten die Hopfenbauern in Schwierigkeiten. Die Folgedavon ist, dass sie sich keine neuen Autos und Traktoren mehr kaufen können, was sie sich eigentlich vorgenommen hatten. Weil von den Bauern und anderen Leuten keine Autos mehr gekauft werden, geht es der Autoindustrie schlecht.” – “Und Vater muss kurzarbeiten”, krähte Wolfgang dazwischen. “Weil keine Autos mehr gekauft werden und ich kurzarbeiten muss können wir nicht mehr in Urlaub fahren. Wenn nun alle Kurzarbeiter sich keinen Urlaub mehr leisten können, bleiben die Hotels in den Ferienorten leer und machen Pleite. Sind die Hotelbesitzer pleite, können sie auch ihre Abzahlungsverpflichtungen gegenüber den Banken und Geldinstituten nicht mehr nachkommen, die ihnen das Geld zum Bau der neuen Hotels geliehen haben. Wenn die Banken aber ihr verliehenes Geld nicht zurückbezahlt bekommen, können sie auch nicht wieder neues Geld verleihen, um damit neue Häuser bauen zu lassen. Die Maurer bleiben auch in Zukunft ohne Arbeit, und der Bierverbrauch wird weiter sinken.”
Vater machte eine Pause und Mutter rief: “Hör auf! Ich habe verstanden was du sagen willst: Wenn es mit der Wirtschaft bergauf gehen soll, dürfen wir nicht am Bier sparen?” – “So ist es”, nickte der Vater verschmitzt lächelnd. “Eigentlich dürfen wir überhaupt nicht sparen. Nur so kann die Wirtschaft angekurbelt werden.” Mutter dachte eine Weile nach. Dann sagte sie: “Wenn das so ist, dann soll Wolfi zwei Helle holen!” – “Oh ja, und für mich eine große Limo! Es könnte ja sein, dass die Brause-Hersteller auch in Schwierigkeiten geraten sind”, folgerte Wolfi. “Meinetwegen”, sagte die Mutter und rückte das Geld heraus.
Eine echt entzückende Geschichte wie ich finde, und es steckt so viel Wahrheit dahinter!
Buchzitat: Schlaf gut ein… Die schönsten Schlummergeschichten – Bruno Horst Bull



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